Best Practice

Von der Konzeption zum Projekt
EQUAL – Projekt „Berufsausbildungswerk Mittelhessen(BAW Mittelhessen) und das
Reha – Ausbildungsnetzwerk Mittelhessen (R-BAN)

Seit Jahren hat Sprechen-Hören-Lernen Fördern, LV Hessen auf den Ausbildungsplatzmangel und die dadurch entstehende Perspektiv- und Chancenlosigkeit von jungen Menschen mit Lernbehinderungen hingewiesen, Wir sind der festen Überzeugung, dass gerade für unsere Jugendlichen ein Spektrum an Möglichkeiten vorgehalten werden muss, das ihnen die Chance auf einen Ausbildungs- und/oder Arbeitsplatz eröffnet. Unsere Kinder haben das gleiche Recht auf Bildung, Berufsvorbereitung, Ausbildung und Arbeit wie jeder andere Jugendliche auch.

Doch es ist wie so oft. Gerade bei diesem Übergang in das nächste System – dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt gibt es viele Hürden zu nehmen. Nicht nur von den Jugendlichen selbst, sondern auch von den Angehörigen. Ohne ihre Unterstützung sind die jungen Leute oft hilflos.
Wir stellen fest, dass es an Informationen fehlt, dass gerade beim Übergang in das Ausbildungs- bzw. Arbeitsleben aus unserer Sicht vieles anders oder besser gemacht werden könnte.

Es gibt viele Maßnahmen im Rahmen der beruflichen Rehabilitation, die unseren Jungendlichen bei der beruflichen Ersteingliederung zur Verfügung stehen können. Aufgrund unterschiedlichster Erfahrungen und Beratungen von Eltern waren wir mit der Situation, die wir bis 2003 vorfanden unzufrieden. Unsere Jugendlichen fielen immer öfter durch das Raster, wurden in Maßnahmen zur Berufsvorbereitung eingeordnet, die ihre Probleme, sowohl im kognitiven, als auch im sozialen Bereich nicht schmälerten. Auch das Berufsvorbereitungs- bzw. Berufsgrundbildungsjahr (BVJ,BGJ) half aus unserer Sicht nicht wirklich, ihre Chance auf einen Ausbildungsplatz zu erhöhen.

Schon 2002 gab es verschiedene Ideen im LV Hessen, die den Weg in Ausbildung und Arbeit betrafen. Einerseits die Idee, sich verstärkt für eine Integrationsfirma einzusetzen, bzw. selbst eine zu gründen, andererseits die Idee eines „Berufsausbildungswerkes“, in dem neben der praktischen Ausbildung der theoretische Teil in einer Sonderberufsschule bzw. in Sonderberufsschulklassen vermittelt werden sollte. Das Berufsausbildungswerk Mittelfranken schwebte uns als erstrebenswertes Ziel vor.
Diese Ideen wollten wir umsetzen, in der festen Überzeugung, auf diese Weise für viele Lernbehinderte den Weg in und durch eine Ausbildung weiter zu ebnen und sie zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen. Wir wollten ein Konzept, dass die Jugendlichen schneller in eine Ausbildung vermitteln würde und vor allem wollten wir Maßnahmekarrieren verhindern.

In der Mitgliederversammlung 2003 stellte der Vorstand seine Ideen der Mitgliederversammlung vor, konnte die Mitglieder überzeugen und erlangte auch die Freigabe von Mitteln zur Konzeptionierung und Umsetzung. Im Anschluss verfassten wir eine entsprechende Pressemitteilung und freuten uns über die Presseberichte. Sehr schnell suchte die kommunale Beschäftigungsgesellschaft des Landkreises Gießen Kontakt mit uns. Dort war man der Überzeugung, dass es für lernbehinderte Menschen schon die Maßnahmen gäbe, die wir uns vorstellten.
Es folgten Gespräche, in denen wir unsere Idee – ein Berufsausbildungswerk mit eigener Sonderberufsschule zu gründen – darstellten. Unsere Idee fand Interesse, die im Mittelhessischen Bildungsverband (MBV)zusammengeschlossenen kommunalen Beschäftigungsträger aus Limburg und Wetzlar, sowie „Arbeit und Bildung e.V“ aus Marburg kamen hinzu. Wir konnten die anfängliche Skepsis schnell überwinden, wurden aber überzeugt, dass ein weiterer Maßnahmeträger am Markt nicht konkurrenzfähig sei, man wäre aber sehr Interessiert an einer Verbesserung der bestehenden Maßnahmen, bzw. an der Neuentwicklung eines solchen Projektes.

Der Beginn im Herbst 2002 der gemeinsamen Konzeptentwicklung zeigte schnell, dass es eines ganzen Netzwerkes bedürfen würde und vor allem Unterstützung von der politischen Ebene. Gespräche mit dem Staatssekretär des Hessischen Sozialministeriums und der Ministerin signalisierten großes Interesse, es wurden Bedingungen gestellt. So wurden wir aufgefordert, die beiden Berufsbildungswerke in das Konzept einzubinden. Das Hessische Kultusministerium zeigte sich ebenfalls aufgeschlossen, die Regionaldirektion Hessen (ehem. Landesarbeitsamt) konnte ebenfalls überzeugt werden, wollte aber unser „Endprodukt“ abwarten.

Es zeigte sich schnell, dass wir es mit einer „Gemengelage“ zu tun hatten. Das Spektrum reichte von sozial benachteiligten Jugendlichen bis hin zu Jugendlichen mit schwerer Lernbehinderung. Wir, der Verband, wollten uns nur auf die Sprach-, Hör- und Lernbehinderten und deren Probleme bei der Ersteingliederung befassen. Die Beschäftigungsträger und das BBW Nordhessen überzeugten uns, dass wir im Grunde 2 Projekte entwickeln müssten – das BAW Mittelhessen und ein Projekt, in dem die Jugendlichen mit Lernbehinderungen eine Ausbildung erhalten sollten, die einen direkten Anspruch auf berufliche Rehabilitation hätten.

EP BAW Mittelhessen

Ende 2004 war es uns gelungen, das „BAW Mittelhessen“ im Konzept fertig zu haben und Unterstützung über den Europäischen Sozialfonds (ESF) im Rahmen von EQUAL zu erhalten. Die endgültige Zusage des ESF bekamen wir im Frühjahr 2005, ebenso grünes Licht von der Regionaldirektion Hessen.
Seit Herbst 2005 arbeitet das BAW Mittelhessen als Entwicklungspartnerschaft mit einem transnationalen Partner in Spanien. Es ist keine stationäre Einrichtung im eigentlichen Sinn, sondern ein Ausbildungsnetzwerk im Regierungsbezirk Mittelhessen – von Marburg über Gießen, Wetzlar bis nach Limburg, angesiedelt bei den kommunalen Beschäftigungsträgern mit dem LV als Kooperationspartner. Hier erhalten junge Menschen bis 25 Jahre eine Ausbildung in 36 Berufen, die auf dem 1. Arbeitsmarkt aufgrund unterschiedlichster Probleme keine Ausbildung erhalten. Sowohl betrieblich, als auch überbetrieblich mit Unterricht in der Berufsschule – ohne sonderpädagogische Förderung. Auch für ein EU – Projekt neu ist es, dass in diesem Projekt nicht nur die Ausbilder eine enge Kooperation pflegen, sondern auch die Auszubildenden. In diesem Jahr sind erstmals im Bereich Hotel – und Gaststättengewerbe 12 AZUBIS aus Mittelhessen in Spanien im Praktikum gewesen und umgekehrt.

Das Reha-Berufsausbildungsnetzwerk Mittelhessen

Anfang 2005 hatten wir das Konzept für R-BAN fertig.
„So wohnortnah wie möglich, so stationär wie nötig“ lautet der Slogan des Modellprojektes R-BAN (Reha-Berufsausbildungsnetzwerk Mittelhessen). Seit September 2005 werden 14 junge Menschen mit Lernbehinderungen aus dem Gebiet der vier mittelhessischen Arbeitsagenturen Marburg, Gießen, Wetzlar und Limburg vom Netzwerk wohnortnah ausgebildet. 14 Betriebe aus der Region stellen Ausbildungskapazität zur Verfügung.

Die sozialpädagogische Begleitung und den Förderunterricht übernehmen die vier Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaften in
der Region gab (Limburg), GWAB (Wetzlar), ZAUG (Gießen), Arbeit und Bildung (Marburg), die sich mit dem Berufsbildungswerk Nordhessen und dem Verband Sprechen-Hören-Lernen Fördern zum Verein R-BAN zusammengeschlossen haben. Wir übernehmen die Information der Förderschulen in diesem Bereich und stellen das Bindeglied zwischen allen Beteiligten dar. Die Elterninformationsabende und die Informationen in den Gesamtkonferenzen der Lehrerinnen und Lehrer finden großen Anklang.

Beteiligt am Projekt sind außerdem die Agenturen für Arbeit in Marburg, Gießen, Wetzlar und Limburg, die beiden Berufsschulen in Gießen und die zuständigen Kammern.
Die Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit (BA) unterstützt das Modellprojekt, weil es beispielgebend die politischen Prinzipien ihrer Arbeit „Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit“ unterstützt.

Junge Menschen, die wegen Art und Schwere ihrer Behinderung bisher nur mit großem Risiko wohnortnah ausgebildet werden können und eher in einem der weiter entfernten Berufsbildungswerke mit Internat angemeldet werden müssten, werden nun im R-BAN Netzwerk „vor Ort“ gefördert. Die vom BBW Nordhessen unterstützte Eignungsdiagnostik und Fördersteuerung sorgt dafür, dass niemand durch die Maschen des R-BAN Netzes fällt. Bei Bedarf werden Jugendliche z.B. auf Grund psychischer Erkrankungsphasen oder Drogenmissbrauch ins BBW Nordhessen zur stationären Förderung überwiesen. Nach der Stabilisierung geht’s zurück in die wohnortnahe Ausbildung. Die entsendenden mittelhessischen Arbeitsagenturen können pro Rehabilitand im Vergleich mit der stationären Berufsausbildung mehr als 50% der Kosten sparen und diese Mittel für die Ausbildung anderer Jugendlicher einsetzen. „Mehr Rehabilitation für’s gleiche Geld“ ist die Devise des R-BAN Projektes.

Wesentlicher Teil des R-BAN-Netzwerkes ist das früher in der Region nicht existente Angebot von Sonder-Berufsschulklassen für junge Menschen mit Lernbehinderungen in Gießen. Die lernbehinderten Jugendlichen werden zunächst in zwei Berufen, Beikoch/-köchin und Werkzeugmaschinenspaner/-in von sonderpädagogisch qualifizierten Lehrern in kleinen Klassen beschult. Die Hessische Landesregierung, das Staatliche Schulamt und die beiden Giessener Berufsschulen Theodor-Litt-Schule und Willy-Brandt-Schule haben das Projekt bisher spontan und völlig unbürokratisch unterstützt.

R-BAN und das „BAW“ haben nun das 2. Ausbildungsjahr erreicht. Beide Projekte sind gut angenommen worden, bedenkt man, dass in beiden Fällen die Maßnahmezusagen durch die zuständigen Agenturen bzw. ARGEN (Arbeitsgemeinschaften) kommen müssen.

Die Regionaldirektion Hessen unterstützt beide Projekte und die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg hat ebenfalls reges Interesse daran, kommen sie doch ihrer Geschäftspolitik entgegen.
Wenn es uns gelingt, gemeinsam mit unseren Partnern, mit diesen Projekten zu überzeugen, können sie auf andere Regionen übertragen werden. Wir sind der festen Überzeugung, dass dies der richtige Weg ist und beide Projekte nach der Modellphase „in Serie“ gehen.

Rückblickend kann man nur sagen, unsere Entscheidung hat sich gelohnt. Gelohnt hat sich zudem die Arbeit mit den Kooperationspartnern, die immer für Vorschläge offen sind und auch bereit, mit uns zusammen Neuland zu beschreiten. Es war und ist sehr viel Arbeit und Engagement aller Beteiligten notwendig. Doch wenn eine Idee überzeugt, findet man auch die entsprechenden Partner.

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